Über Echsenherz

 

Leseprobe:

 

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Epilog: Wie alles begann

Hoch im Norden an der Küste des Reiches Loto, in einer Einsiedelei namens Gonra, lebten einst drei Brüder, Hyrus, Pyron und Azan. Sie waren junge Männer, allesamt nicht älter als fünfundzwanzig Sonnen. Sie wirtschafteten durch Fischerei und Jagd, ebenso durch Feldbestellung – derart trugen sie zu ihrem Lebensverdienst bei und auch durch den Verkauf ihrer Güter auf dem Markt. Von den Brüdern war Hyrus der jüngste und Pyron der älteste; Azan war derjenige mittleren Alters. Hyrus war ein Fischersmann, Azan bestellte das Feld und den Garten ihres Anwesens und Pyron sorgte mit seinem Bogen für den einen oder anderen Beutefang. In dem Dörfchen Gonra herrschte für gewöhnlich Frieden, man war freundlich und hilfsbereit zueinander. Lediglich ganz wenige Menschen wohnten hier und zu vernachlässigen klein war die Anzahl der Zwerge, denn insgesamt hatte die Siedlung in etwa drei Dutzend Einwohner. Obgleich es im Norden gelegen, war das Wetter in dem Gebiet relativ milde. Es gab in Gonra eine Weberin, sogar einen Schmied und anderweitig rechtschaffende Menschen, und die vereinzelten Zwerge, welche dort lebten, arbeiteten überwiegend als Händler. Der jüngste der Brüder, Hyrus, lebte für lange ein Geheimnis, er pflegte es gar: In den Zeiten der Abenddämmerungen hielt er sich nicht allein der Fischerei wegen an der Küste auf, sondern ganz besonders seiner Freundschaft mit einer Meerfrau zugrunde liegend: Es handelte sich bei jener um eine sagenumwobene Gestalt, um eine Bewohnerin des Reiches der unglaublichen Meerhexe, der Königin der Meere. Über die Meermenschen ist zu sagen, dass sie den Landmenschen sehr ähnelten, doch mussten sie Wasser atmen, bis auf die Zeit jeweils eine Stunde am Morgen und des Abends. Hyrus und Auroria, beiden war es nur zu Dämmerungszeiten gegeben, dass sie einander begegnen konnten, und trotzdem waren sie schon seit vielen Monden Vertraute und Liebende. Auch war Auroria, die Frau aus dem Meer, wie alle Meermenschen nur zu der Morgen- und Abenddämmerung für jeweils eine kurze Zeit sichtbar – sonst nicht, eben wie alle aus dem Reich der Meere und Ozeane. Ihre Königin hätte es ohne die Bedingung dieses Bannes niemals zugelassen, dass sich eine ihrer Untertaninnen oder einer ihrer Untertanen einfach so mit einem gewöhnlichen Sterblichen, eben einem Landmenschen trifft. Über das Reich dieser Hexe war allgemein nur wenig bekannt und diese, auch die Bewohner und Bewohnerinnen ihres Reiches waren den Landmenschen nicht unbedingt wohlgesonnen: Jedoch wusste man nur, dass die Regentin nicht immer die Herrscherin der Meere gewesen sein soll, angeblich – so hieß es – ward sie einst eine gewöhnliche junge Frau, deren Name schlicht Nogard gewesen. Die Liebe zwischen Hyrus und Auroria war gewachsen, im Laufe der Monde wurden sie und das gemeinsame Band so stark, dass Hyrus schließlich um die Hand seiner geliebten Meerfrau anhielt, woraufhin sie freudig beschloss, sich mit dieser Bitte an Nogard zu wenden dahingehend, dass die Meerfrau Auroria endgültig aus dem Bann der Hexe entlassen würde, welcher sie an das Meer und sein Reich band, um sich mit Hyrus vereinen zu können. Vier Tage würde es dauern, bis Auroria aus dem Reich der Meerhexe zurück zu Hyrus gekehrt wäre, nachdem sie der Meerkönigin berichtete und ihre, Aurorias, Bitte kundgetan hätte. Unterdessen erzählte Hyrus seinen Brüdern von Auroria, von ihrer gemeinsamen Liebe und ihren Absichten: Der Fischersmann berichtete freudig und in den schillerndsten Farben von Auroria und seiner Liebe zu ihr. Es stimmte, tatsächlich war die Meerfrau von bildhübscher Gestalt und überwältigendem Antlitz und ebenso auch von gutem Charakter. Die beiden Brüder, Pyron und Azan, waren überrascht, dass ihnen ihr Bruder etwas solch Großartiges verheimlicht hatte, dennoch sorgten sie sich nicht, ganz im Gegenteil, sie freuten sich für ihn. Jedoch kamen zwischen all den Glückwünschen noch mehr Fragen auf und alle Brüder beratschlagten sich eingehend über die zukünftige Situation – über Kommendes –, während sie geduldig auf Aurorias Rückkehr warteten. Als der Moment sich näherte, in welchem Hyrus dann die wiederkehrende Meerfrau wiedersehen würde, in hoffnungsvoller Erwartung der Botschaft der Meerkönigin, da pochte und hüpfte sein Herz schon vor freudiger Erregung. Milde war das Wetter dieses Herbstabends an der Küste zu Gonra; Hyrus hatte sich bereits von seinen Brüdern verabschiedet, sich auf den Weg zum Meer gemacht, mit einem letzten Blick zurück darauf bauend, dass Pyron und Azan im gemeinsamen Anwesen auf ihn und seine Braut warten würden. Im Schein der langsam am Horizont verschwindenden, warmen Abendsonne wartete der Fischer am Strand geduldig auf Auroria, und während er beobachtete, wie sich die Gischt schaumig brach, schmiss er den einen oder anderen glatten Kiesel ins Meer. Unterdessen sich das Abendlicht in freundlichem Rosa spiegelte, der blaue Mond Lotos nun erstarkte, da bemerkte Hyrus seine Angebetete in wenigen Schritten Entfernung aus dem Meer auftauchen. Sogar bei den herrschenden Lichtverhältnissen sah er, wie das Meerwasser matt schimmernd an Aurorias wunderschönem Körper und an ihrem Gewand aus Tang hinabperlte. Doch je mehr Auroria mit ihrem langen, nassen, fuchsroten Haar aus dem Meer watete, sich dem verliebten Hyrus näherte, begann die Meerfrau sich in ein furchterregendes Monster zu verwandeln, unvermittelt und plötzlich war diese mit einem grauen Schuppengewand bedeckt, statt eines Mundes hatte sie auf einmal ein Maul, aus welchem scharfe und große Beißer wie bei einem Hai bleckten! In der milden Brise der hereinbrechenden Nacht meinte Hyrus seinen Augen nicht trauen zu können und er vermochte sich vor Entsetzen nicht mehr zu bewegen: Was ist nur mit der wunderschönen Auroria geschehen?, dachte er voller Angst. Was der Fischer nicht wusste, war, dass Auroria nichts von alledem bemerkte, was mit ihr geschehen, und selbstverständlich Hyrus in Liebe verbunden und auf keinerlei Angriff bedacht, näherte sich die Meerfrau ihrem Geliebten, da sie sich selbst ihrer Veränderung nicht bewusst war. Wie es sich herausstellen sollte, hatte die große Hexe und Meerkönigin Nogard Auroria, die ihre Tochter war, mit einem Bannspruch verzaubert, der jene Verwandlung herbeiführte, weil sie einen ganz eigenen, bestimmten Zweck verfolgte. Und der Fischer Hyrus erstarrte an Ort und Stelle vor Entsetzen zu grauem Stein. Oh, hätte er doch nur mit seinem Herzen geschaut! Der üble Bann, die Verwünschung wäre wirkungslos geblieben. Unterweil Auroria das Festland erreichte, erkannte, was passierte, brach sie an der Statue ihres geliebten Hyrus zusammen und verstand, dass die Dinge noch ganz anders kommen würden, als sie sich erhofft hatte. In dem gleichen Moment aber, in dem Hyrus versteinerte, hörten die Brüder Azan und Pyron eine laute Stimme, die ihnen auftat, sich umgehend zum Strand zu begeben. Da sie dieses Ereignis für eine Botschaft von den Gottheiten, vom Rat der „Großen Sieben“, hielten, taten sie unverzüglich, wie ihnen geheißen.

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