Über Echsenblut

 

Leseprobe:

 

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Kapitel 1



Die Geburt der Drei

Meine Frau Zonja liegt in den Wehen. Wie sehr ich diesen Moment stets herbeigewünscht habe! Fünf lange Jahre sind wir kinderlos geblieben, nun werden wir Vater und Mutter. Wir haben Oras, dem Sonnengott geopfert und er hat unser Flehen erhört: Nach fast einem ganzen Zyklus ist es jetzt endlich soweit. Ich stehe vor dem Lager meiner Frau und sehe die Schweißperlen auf ihrer Stirn, nass klebt ihr braunes Haar in Strähnen auf ihrem Gesicht, zerzaust in ihrem Nacken. Die herbeigerufene Amme Rowanar, eine erfahrene Frau von vielen Sommern, verlangt nach heißem Wasser, und ich schicke meine Magd Sera es zu holen.
Das bereitete Bett, auf dem Zonja liegt, ist zerwühlt und schweißgetränkt. Der frühe Nachmittag ist den alten Überlieferungen gemäß ein guter Zeitpunkt für eine Geburt. Mein Weib gibt stoßweise laute Schreie von sich – nichts Ungewöhnliches, wie mich Rowanar zu beruhigen versucht. Doch dann höre ich ein gedämpftes Knacken, wie das Geräusch eines brennenden feuchten Holzscheites in der heißen Glut. Meine Stirn legt sich in Falten.
Was war das?, denke ich besorgt, wie sich gleich herausstellen sollte, zu Recht. Ein qualvoller Schrei entkommt Zonjas aufgerissenem Mund, sie verdreht ihre Augen. Rowanars Gesicht wirkt auf einmal sehr blass, ihre Hände zittern jetzt.
„Wo bleibt das Wasser?!“, ruft sie nervös nach Sera.
„Was ist passiert?“, frage ich die alte Amme, deren graues Haar streng nach hinten gebunden liegt, doch sie antwortet mir nicht. Voller Sorge nähere ich mich dem Lager, um meiner Frau die Hand zu halten. Als sie nach der meinen greift, bohren sich ihre Nägel tief in mein Fleisch. Die Hand meiner Geliebten fühlt sich kalt an und ist nass von Schweiß. Zonja presst sie so fest, dass die meine aus der ihren hinauszurutschen droht.
„Es gibt Probleme“, antwortet Rowanar, „etwas in Ihrer Frau ist gebrochen. Da ist mehr als nur ein Kind!“
Meine Frau schaut mich mit großen Augen an, ich sehe darin Angst, aber auch Schmerz.
„Wird sie es schaffen?“, frage ich die Amme, um meine Frau zu beruhigen, aber nun selbst mit Besorgnis in der Stimme. Doch die Amme streicht nur schweigend über den gewölbten Bauch meiner Frau.
„Da! Das Köpfchen!“, spricht sie plötzlich laut. Hörte ich da Erleichterung in ihrer Stimme? Zonjas Schreie werden lauter, und wie nach einer Ewigkeit kommt endlich das heiße Wasser. Der Atem meiner Frau hört sich auf einmal seltsam an, irgendwie ... dumpf. Ihre grauen Augen verdrehen sich nach oben, sodass ich nur noch das Weiße ihrer Pupillen sehe.
„Was geschieht hier?“, frage ich die Amme, die mir immer unsympathischer wird, je mehr ich Zonja leiden sehe, und ich merke, wie ich zornig werde.
„Es gibt Komplikationen“, sagt sie und fügt leise hinzu:
„Betet zu den Göttern, damit Eure Frau es schafft!“
Aus meiner Furcht wird Panik. Soll unser Glück auf diese tragische Weise enden? Ich fühle, wie Übelkeit in mir aufsteigt. Zu meinem Erschrecken atmet Zonja nun nur noch stoßweise und ungleichmäßig, doch das erste Kind, ein Junge, ist entbunden! Sera nimmt den Neugeborenen auf den Arm und versorgt ihn. Das Köpfchen des zweiten kommt zum Vorschein.
„Es sind wahrscheinlich drei“, erklärt Rowanar. Dann jedoch passiert es! Kurz nachdem der zweite Knabe zur Welt kam, folgt der dritte, aber mit dem Gesäß voran. Die Hebamme zögert, dennoch scheint sie zu wissen, wie sie reagieren muss. Behutsam versucht sie, das Ungeborene im Leib der Mutter zu drehen. Ich höre ein Geräusch, als würde Leder reißen, ein Schwall Blut ergießt sich über das Lager. Mit Entsetzen bemerke ich, dass Zonja nur noch ganz flach atmet.
„Tut etwas!“, schreie ich die Amme aus vollem Halse an, diese ist den Tränen nahe. Sera, die das Geschehen bis dahin schweigend verfolgt hatte, flüstert zuerst etwas, bevor sie lauter wird.
„Sie wird es nicht schaffen“, stammelt sie, in Tränen ausbrechend. Wie Recht sie doch hatte! Das dritte Baby, auch ein Junge, ist gesund, ist nun geboren. Meine Frau aber starb noch zur selben Stunde, mit unseren Söhnen im Arm. Sera nahm die Knaben an sich. Ich jedoch, ich warf mich weinend über mein totes Weib. Dann umgab mich nur noch Dunkelheit.



Interludium: Die Götter, Länder, Völker, Rassen und die Magischen der Welt namens Loto

Loto, so wird die Welt der Sage nach von ihren Bewohnern genannt, ist die oberste von sieben großen, quadratischen Scheiben, die in der Weite dieses Universums frei, unabhängig voneinander existieren, und obwohl sie eine Welt miteinander bilden, durch den Willen der Götter, durch die „ewigen Abgründe“ miteinander verbunden sind. Jedoch, bis auf wenige Auserwählte wissen die Bewohner Lotos nichts von der Existenz der anderen Planetenscheiben, auch sind diese nicht von einander aus zu sichten. Die Welt dieser Erzählung wiederum ist schlicht in drei Reiche unterteilt, welche hier genannt und von eben den im Folgenden beschriebenen Rassen bewohnt werden: Dem Volke der Menschen, den Drittgeborenen der Schöpfung, den jüngsten Lebewesen dieser Welt; diese sind von freiem Geist und mit Bewusstsein begabt. Die Eigenarten jener, die von den anderen Völkern Lotos Menschen genannt werden, sind körperlich wie folgt: Oftmals sind sie von mittlerer Statur, die Frauen oft zwischen vierzig und fünfzig Zoll, die Männer meistens zwischen fünf und sechs, selten auch sieben Fuß hoch. Es gibt große Unterschiede zwischen den einzelnen Vertretern der Gattung Mensch, sei es dass der oder die eine spindeldürr, der andere dick, wieder ein anderer muskelbepackt ist.
Die mittlere Lebenserwartung dieser Menschen liegt bei achtzig, maximal jedoch bei einhundert Jahren. Auch unterscheiden sie sich sehr in der Art und Weise, wie ihr Haar beschaffen ist und wie sie es zu tragen pflegen. Auch seelisch und von ihren Charakteren her unterscheiden sich die Menschen zu stark voneinander, als dass ein einheitliches Bild von ihnen bezeugt werden könnte. Die Menschen leben zum großen Teil in einer hierarchischen Struktur, seit Generationen werden sie von Königen und deren Vertretern beherrscht; es scheint, als ob Menschen gerne Verantwortung abgeben würden.
Somit sei der Einfachheit halber erwähnt, die beste Beschreibung für einen Menschen findet sich in der Dichtung der anderen Rassen über dieses Volk, wie in jenem Abschnitt des Schöpfungsliedes über die Welt Loto, erzählt von den Edelblütigen: … Die einen nobel, wohl erkannt, hübsch gepflegt und fein von Verstand, die anderen grob und ungeschlacht, werden sie oft ausgelacht, eine Rasse und ein Volk, doch untereinander viel zu uneins, so wie es nur von Quoron konnt’ gewollt, der Rat ihm wohl Tribut gezollt. …
Das Reich der Menschen heißt Godan. Die mengenmäßig zweitgrößte Rasse Lotos ist die der Zwerge, diese sind die Zweitgeborenen der Schöpfung Lotos, und somit die zweitälteste Rasse dieser Welt. Es gibt von ihnen nur ein Drittel weniger als von den Menschen. Besagte Zwerge sind von kräftigem, gedrungenem Körperbau und nur zwischen zwei und drei Fuß hoch, höchstens aber vier.
Die meisten von den männlichen Kleinwüchsigen belassen ihr Haar lang, oftmals zu einem Zopf geflochten und sie sind meistens unrasiert, tragen ihre Bärte wildwachsend. Über die Lebenserwartung der Zwerge ist offiziell nichts bekannt, es wird aber vermutet, dass sie bis zu zweihundert Jahre alt werden.
Über die Zwergenfrauen gibt es nur wenig zu berichten, es gibt derer viel zu wenige, auch leben sie meistens nur unterirdisch; sie sollen oft etwas kleiner als ihre Männer und für ihre Gattung und Gestalt sehr weiblich sein. Die Zwerge leben überwiegend unter Tage, da sie auch in der größten Finsternis gut sehen und da sie dort nach wertvollen Kristallen und kostbaren Erzen schürfen. Gemeinhin ist bekannt, dass das Wesen eines Zwerges oft von seiner Gier und Einfältigkeit, aber ebenso von seinem Mut beherrscht wird; und so soll es bei ihnen ebenso wie bei den Menschen auch edelmütige und große Geister gegeben haben und geben.
Die Zwerge sind ein Volk ohne König oder Herrscher, sie organisieren sich stets in Zweckgemeinschaften. Wieder mag ein Vers aus der Schöpfungsgeschichte der Elfen helfen, die Rasse der Zwerge besser zu erkennen, zu verstehen: … Tief im Dunkeln sie schürfen, weder Schlacht noch Tod sie fürchten, doch eines fürchten sie am meisten, nie den ersehnten Reichtum zu erreichen, so sehr er auch ist klein, ein Zwerg – für sich allein – kann reich genug nie sein. … Das Volk der Erstgeborenen der Schöpfung auf Loto, der somit ältesten Rasse, sind jene Wesen genannt Elfen oder auch Edelblütige, es ist das mengenmäßig kleinstes Volk Lotos. Ihre Anzahl beläuft sich auf ein Viertel der Menge an Menschen.
Sie sind etwas größer als diese, meist zwischen sechs und sieben Fuß hoch und von feingliedrigem und „edlem“ Körperbau. Sie haben große nach oben spitz zulaufende Ohren und meist eine sehr helle Haut. Des Weiteren und das ist eine der größten Besonderheiten dieses Volkes, verfügen manche von ihnen über die Fähigkeit der Gedankenübertragung, der so genannten Telepathie und zudem sind viele der Elfen magisch talentiert.
Auch wenn es unter den Menschen und sehr selten auch unter den Zwergen Magier und Magierinnen gibt, so sind doch die Elfen in der Regel die mächtigsten unter ihnen, bis auf wenige Ausnahmen.
Das Wichtigste jedoch, was es über diese Rasse zu sagen gibt, ist dass jeder einzelne Vertreter von ihnen ewig lebend ist und sie nicht sterben, außer durch Gift, Krankheit oder Totschlag oder verderbte Magie. Die Elfen sind die Bewahrer der alten Werte und Traditionen und sie sind das dem Rat der Götter nächststehende Volk. Sie sind diejenigen, die zum Teil noch in Erinnerung an die Schöpfung Lotos leben: Angeblich, so sagen manche Legenden, gab es sie schon vor der Erschaffung dieser Welt, sie selbst sind die Dichter des Schöpfungsliedes, der so genannten „Addes“ und obwohl dies ihr Werk ist, findet sich keine Zeile darin über ihr eigenes Volk.
Überhaupt ist der wesentliche, der eigentliche Hauptbestandteil der Addes die Geschichte der Götter Lotos, ihres Wesens und ihrer Eigenarten. Das Schöpfungslied der Elfen erzählt uns von acht alten, guten – wenngleich auch oft strengen – Göttern, die im Wesentlichen diejenigen sind, die Verantwortung für die Welt Lotos tragen, sie seien hier vorerst nur kurz erwähnt: Der oberste der Schöpfer, der Gott der Sonne, Oras, ist sozusagen der Göttervater, ihm sind die anderen untertan. Sein Sohn Ores, der Gott des Geistes, ist der Stellvertreter des Herrschaftsanspruches des Göttervaters und gleichzeitig sein engster Vertrauter.
Der Bruder Oras´ ist der Gott des Krieges, Hamor. Ihm unterstehen die himmlischen Legionen der Engel direkt. Dies sind die wichtigsten drei Gottheiten; doch sie sind nicht alleine, es gibt noch weitere ihnen befreundete Götter: Horkat, der Gott der Zeit, er befiehlt die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Fluss der Zeit. Penot, Gott der Wandlung, ihm ist jeder Wandel und jede Veränderung. Hand in Hand gehen Surayo, die Gottheit der Liebe und Quoron, Gottheit der Gerechtigkeit. Ihre Bedeutung und ihr Herrschaftsbereich erklären sich von selbst. Oraia, der alte Gott ist die Gottheit der Schönheit – mehr ist nicht über diesen bekannt.
Des Weiteren gibt es noch neben den menschlichen, elfischen und zwergischen Zauberern und Zauberinnen die so genannten „Magischen“ Lebewesen, die vielleicht einst dem Rat der Götter angehörten, Mischwesen höherer Daseinsform, die gänzlich aus Mana, der Götter wirksamer Kraft erschaffen worden sind, zum Beispiel Phönixe und Drachen aber auch manche Kristalle.

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