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Echsenblut:

Mein Wille war eins mit dem Willen des Drachen. Meine Kraft war stärker.
Ich brach ihm seinen Geist, er brach mir meinen.
Mein letzter Aufschrei galt dem Ersten, dem Einen, dem Einzigen.
Und die Erinnerung dessen, der ich war,
wurde eins mit dem Der-Ich-Bin.
JHWH


Prolog

Wir sehen nichts. Wir sind blind.
Wir hören nichts. Wir sind taub.
Wir können nicht sprechen. Wir sind stumm.
Doch!
Wir haben
ein Schicksal,
eine Aufgabe,
eine Bestimmung!
Wir sind! Wir wissen!
Wir sind Brüder!



Kapitel 1



Die Geburt der Drei

Meine Frau Zonja liegt in den Wehen. Wie sehr ich diesen Moment stets herbeigewünscht habe! Fünf lange Jahre sind wir kinderlos geblieben, nun werden wir Vater und Mutter. Wir haben Oras, dem Sonnengott geopfert und er hat unser Flehen erhört: Nach fast einem ganzen Zyklus ist es jetzt endlich soweit. Ich stehe vor dem Lager meiner Frau und sehe die Schweißperlen auf ihrer Stirn, nass klebt ihr braunes Haar in Strähnen auf ihrem Gesicht, zerzaust in ihrem Nacken. Die herbeigerufene Amme Rowanar, eine erfahrene Frau von vielen Sommern, verlangt nach heißem Wasser, und ich schicke meine Magd Sera es zu holen.
Das bereitete Bett, auf dem Zonja liegt, ist zerwühlt und schweißgetränkt. Der frühe Nachmittag ist den alten Überlieferungen gemäß ein guter Zeitpunkt für eine Geburt. Mein Weib gibt stoßweise laute Schreie von sich – nichts Ungewöhnliches, wie mich Rowanar zu beruhigen versucht. Doch dann höre ich ein gedämpftes Knacken, wie das Geräusch eines brennenden feuchten Holzscheites in der heißen Glut. Meine Stirn legt sich in Falten.
Was war das?, denke ich besorgt, wie sich gleich herausstellen sollte, zu Recht. Ein qualvoller Schrei entkommt Zonjas aufgerissenem Mund, sie verdreht ihre Augen. Rowanars Gesicht wirkt auf einmal sehr blass, ihre Hände zittern jetzt.
„Wo bleibt das Wasser?!“, ruft sie nervös nach Sera.
„Was ist passiert?“, frage ich die alte Amme, deren graues Haar streng nach hinten gebunden liegt, doch sie antwortet mir nicht. Voller Sorge nähere ich mich dem Lager, um meiner Frau die Hand zu halten. Als sie nach der meinen greift, bohren sich ihre Nägel tief in mein Fleisch. Die Hand meiner Geliebten fühlt sich kalt an und ist nass von Schweiß. Zonja presst sie so fest, dass die meine aus der ihren hinauszurutschen droht.
„Es gibt Probleme“, antwortet Rowanar, „etwas in Ihrer Frau ist gebrochen. Da ist mehr als nur ein Kind!“
Meine Frau schaut mich mit großen Augen an, ich sehe darin Angst, aber auch Schmerz.
„Wird sie es schaffen?“, frage ich die Amme, um meine Frau zu beruhigen, aber nun selbst mit Besorgnis in der Stimme. Doch die Amme streicht nur schweigend über den gewölbten Bauch meiner Frau.
„Da! Das Köpfchen!“, spricht sie plötzlich laut. Hörte ich da Erleichterung in ihrer Stimme? Zonjas Schreie werden lauter, und wie nach einer Ewigkeit kommt endlich das heiße Wasser. Der Atem meiner Frau hört sich auf einmal seltsam an, irgendwie ... dumpf. Ihre grauen Augen verdrehen sich nach oben, sodass ich nur noch das Weiße ihrer Pupillen sehe.
„Was geschieht hier?“, frage ich die Amme, die mir immer unsympathischer wird, je mehr ich Zonja leiden sehe, und ich merke, wie ich zornig werde.
„Es gibt Komplikationen“, sagt sie und fügt leise hinzu:
„Betet zu den Göttern, damit Eure Frau es schafft!“
Aus meiner Furcht wird Panik. Soll unser Glück auf diese tragische Weise enden? Ich fühle, wie Übelkeit in mir aufsteigt. Zu meinem Erschrecken atmet Zonja nun nur noch stoßweise und ungleichmäßig, doch das erste Kind, ein Junge, ist entbunden! Sera nimmt den Neugeborenen auf den Arm und versorgt ihn. Das Köpfchen des zweiten kommt zum Vorschein.
„Es sind wahrscheinlich drei“, erklärt Rowanar. Dann jedoch passiert es! Kurz nachdem der zweite Knabe zur Welt kam, folgt der dritte, aber mit dem Gesäß voran. Die Hebamme zögert, dennoch scheint sie zu wissen, wie sie reagieren muss. Behutsam versucht sie, das Ungeborene im Leib der Mutter zu drehen. Ich höre ein Geräusch, als würde Leder reißen, ein Schwall Blut ergießt sich über das Lager. Mit Entsetzen bemerke ich, dass Zonja nur noch ganz flach atmet.
„Tut etwas!“, schreie ich die Amme aus vollem Halse an, diese ist den Tränen nahe. Sera, die das Geschehen bis dahin schweigend verfolgt hatte, flüstert zuerst etwas, bevor sie lauter wird.
„Sie wird es nicht schaffen“, stammelt sie, in Tränen ausbrechend. Wie Recht sie doch hatte! Das dritte Baby, auch ein Junge, ist gesund, ist nun geboren. Meine Frau aber starb noch zur selben Stunde, mit unseren Söhnen im Arm. Sera nahm die Knaben an sich. Ich jedoch, ich warf mich weinend über mein totes Weib. Dann umgab mich nur noch Dunkelheit.

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